Kindesmisshandlung ähnelt Kriegserfahrung
City- & Szenenews
09.12.2011
Misshandlungen bewirken bei Kindern ähnliche Veränderungen wie Kriegserfahrungen bei Soldaten. Offenbar eine natürliche Schutzfunktion.
Misshandlungen und Gewalt in der Familie programmieren das Gehirn eines Kindes dafür, mögliche Gefahrenquellen besser wahrzunehmen. Das berichten Forscher vom University College London in der Zeitschrift "Current Biology". In der laut den Wissenschaftlern ersten Untersuchung der beteiligten Gehirnregionen durch funktionelle Bildgebung zeigte sich, dass die Verdrahtung der Neuronen nach Gewalterfahrungen ähnlich verändert ist wie bei Soldaten, die in eine Kampfhandlung geraten sind.
Schon bisher zählten frühe Gewalt und Misshandlungen zu den stärksten Risikofaktoren aus der Umwelt für spätere Angststörungen und Depression. Über welche Mechanismen diese oft langfristige Prägung geschieht, war jedoch wenig bekannt. Die britischen Forscher beobachteten die Gehirne betroffener Kinder, während sie ihnen Bilder von zornigen und traurigen Gesichtern zeigten. Auffallend aktiv waren der vordere Teil der Inselrinde sowie die Amygdala, zwei für die Wahrnehmung von Gefahren und die Vorwegnahme von Schmerzen zuständige Regionen.
Anpassung mit hohen Kosten
"Die verbesserte Reaktion kann für die betroffenen Kinder eine Strategie sein, die kurzfristig durchaus erfolgreich ist und vor Gefahren schützen kann", erklärt Studienleiter Eamon McCrory. Statt einer Schädigung wurde somit eine Anpassung an eine gefährliche Umgebung sichtbar. Diese entwickelt sich freilich zum Preis der erhöhten Verletzbarkeit gegenüber Stressfaktoren, die auch viel später noch die psychische Gesundheit beeinträchtigen kann. Selbst wenn ein Kind keine direkte Zeichen von Gewalt oder Depression zeigt, können sich somit derartige Erfahrungen auf Neuronenebene auswirken.
Der Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich sieht bisherige Vermutungen bestätigt. Entscheidend für die Wahrnehmung und Verarbeitung sei allerdings das Alter des Kindes. "In der magisch-animistischen Phase ab drei Jahren werden Gewalterfahrungen verdrängt, etwa in die Märchenwelt. Beim logischen Denken ab sechs Jahren werden in der Amygdala gespeicherte Erlebnisse von früher erstmals real erlebt. Ab dem Jugendalter gelingt das abstrakte Denken", so der Experte gegenüber pressetext. Der Vergleich mit Soldaten hinke aus diesem Grund etwas.
Ich-Stärkung als Therapie
Vergessen und aus dem Gedächtnis löschen kann man Gewalterfahrungen nicht mehr. Wehrlos sind Menschen, die unter dieser Bürde leiden, allerdings nicht. "Die Psychotherapie kann Mechanismen aktivieren, die einen Gegenpol dazu liefern: Die Stärkung der Persönlichkeit im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln, die Identifikation, Vorbildhaltung sowie das intime Einüben neuer Möglichkeiten von Nähe und Distanz", betont Friedrich.
(pte/pb)
Misshandlungen bewirken bei Kindern ähnliche Veränderungen wie Kriegserfahrungen bei Soldaten. Offenbar eine natürliche Schutzfunktion.
Misshandlungen und Gewalt in der Familie programmieren das Gehirn eines Kindes dafür, mögliche Gefahrenquellen besser wahrzunehmen. Das berichten Forscher vom University College London in der Zeitschrift "Current Biology". In der laut den Wissenschaftlern ersten Untersuchung der beteiligten Gehirnregionen durch funktionelle Bildgebung zeigte sich, dass die Verdrahtung der Neuronen nach Gewalterfahrungen ähnlich verändert ist wie bei Soldaten, die in eine Kampfhandlung geraten sind.
Schon bisher zählten frühe Gewalt und Misshandlungen zu den stärksten Risikofaktoren aus der Umwelt für spätere Angststörungen und Depression. Über welche Mechanismen diese oft langfristige Prägung geschieht, war jedoch wenig bekannt. Die britischen Forscher beobachteten die Gehirne betroffener Kinder, während sie ihnen Bilder von zornigen und traurigen Gesichtern zeigten. Auffallend aktiv waren der vordere Teil der Inselrinde sowie die Amygdala, zwei für die Wahrnehmung von Gefahren und die Vorwegnahme von Schmerzen zuständige Regionen.
Anpassung mit hohen Kosten
"Die verbesserte Reaktion kann für die betroffenen Kinder eine Strategie sein, die kurzfristig durchaus erfolgreich ist und vor Gefahren schützen kann", erklärt Studienleiter Eamon McCrory. Statt einer Schädigung wurde somit eine Anpassung an eine gefährliche Umgebung sichtbar. Diese entwickelt sich freilich zum Preis der erhöhten Verletzbarkeit gegenüber Stressfaktoren, die auch viel später noch die psychische Gesundheit beeinträchtigen kann. Selbst wenn ein Kind keine direkte Zeichen von Gewalt oder Depression zeigt, können sich somit derartige Erfahrungen auf Neuronenebene auswirken.
Der Wiener Kinderpsychiater Max Friedrich sieht bisherige Vermutungen bestätigt. Entscheidend für die Wahrnehmung und Verarbeitung sei allerdings das Alter des Kindes. "In der magisch-animistischen Phase ab drei Jahren werden Gewalterfahrungen verdrängt, etwa in die Märchenwelt. Beim logischen Denken ab sechs Jahren werden in der Amygdala gespeicherte Erlebnisse von früher erstmals real erlebt. Ab dem Jugendalter gelingt das abstrakte Denken", so der Experte gegenüber pressetext. Der Vergleich mit Soldaten hinke aus diesem Grund etwas.
Ich-Stärkung als Therapie
Vergessen und aus dem Gedächtnis löschen kann man Gewalterfahrungen nicht mehr. Wehrlos sind Menschen, die unter dieser Bürde leiden, allerdings nicht. "Die Psychotherapie kann Mechanismen aktivieren, die einen Gegenpol dazu liefern: Die Stärkung der Persönlichkeit im Denken, Fühlen, Wollen und Handeln, die Identifikation, Vorbildhaltung sowie das intime Einüben neuer Möglichkeiten von Nähe und Distanz", betont Friedrich.
(pte/pb)
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