Der Spion-Buchtipp: Charlotte Roche "Feuchtgebiete"

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05.03.2008

In erster Linie habe Charlotte Roche ein Buch gegen den übertriebenen Hygienezwang unserer Gesellschaft geschrieben. So las man es in den Medien. Ob "Feuchtgebiete" diese Erwartungen auch erfüllt?

Charlotte Roche wolle den Frauen ausreden, was die Werbung für parfümierte Slipeinlagen und Intimwaschlotionen ihnen einredet (»Ihr stinkt!«). Gleichzeitig sei »Feuchtgebiete« Roches Plädoyer für einen entspannten Umgang der Frauen mit Sex und dem eigenen Körper - einen Umgang, wie er bei den Männern herrscht.

Verbale Emanzipation

Die Geschichte der 18-jährigen Hämorrhoiden-Patientin Helen Memel erfüllt diese Erwartungen zumindest teilweise. Helen liegt wegen einer Rasurverletzung in der proktologischen Station eines Krankenhauses. Sie hat viel Zeit, über ihre sexuellen Vorlieben und ihren Körper nachzudenken. Beim Petting werde sie so feucht, dass einer ihrer Ex-Freunde dabei immer »By The Rivers of Babylon« sang. Seit sie denken kann, beschäftigt sie sich hingebungsvoll mit ihren Geschlechtsteilen. br]
Vor allem in sprachlicher Hinsicht lässt Roche ihre Protagonistin klassisch männliches Terrain betreten. Auch Helen spricht davon, "sich einen runter zu holen". Roche findet Worte für weibliche Fantasien, lässt ihre Helen aussprechen, was man sonst kaum je eine Frau von sich sagen hört. Störend steht dem jedoch die oft extrem kindliche Ausdrucksweise gegenüber.

Das Mutter-Problem

Eine entscheidende Leistung des Romans ist, dass er auch den Ursachen des Hygienewahns auf den Grund geht. In »Feuchtgebiete« wird ganz klar: Nicht etwa die Männer sind schuld an der Unentspanntheit und der übertriebenen Körperpflege der Frauen. Vielmehr schüchtern ihre Mütter sie ein, indem sie ihnen die strikte Achtung von Hygiene als etwas anerziehen, das für die Weiblichkeit unabdinglich ist. Roches Anti-Heldin holt zum Befreiungsschlag gegen ihre Mutter, eine Scheinheilige par excellence, aus und witzelt: »Der letzte Gedanke, den Mama vor ihrem Tod am Unfallort hätte, wäre: Seit wie viel Stunden trage ich diese Unterwäsche schon? Gibt es schon Spuren?«

Krankenhauskomik

Roche wäre nicht Roche, wenn sie die Situationskomik, die sich gerade auf einer solchen Krankenstation ergibt, unbeachtet ließe. Im hinten offenen OP-Hemdchen werden »Arschparaden« über den Stationsflur getanzt und krankenhaustypische Dialoge als Steilvorlagen benutzt. (»Eine Krankenschwester. Sie fragt, ob ich Stuhlgang hatte. ,Nein, Sie?'«). Auch wenn Helen sich ironisch dem klinischen Fachjargon anpasst (»Nach ersten Einschätzungen handelt es sich um eine Flüssigkeit, die vorne muschal ausgetreten ist.«), gelingt die Situationskomik à la Charlotte.

Land unter

Doch ihr Plädoyer für die Abkehr vom Hygienezwang gerät schnell zu einem Rundumschlag aller möglichen Körpertabus. Roche prescht mit Tempo 180 mitten rein ins »Feuchtgebiet« und überfährt die Ekelgrenze mit einer Brachialität, dass einem ganz flau im Magen wird. Rechts und links spritzt es kreuz und quer und meterhoch.

Übergroß ist Helens Interesse an Körperflüssigkeiten, an den eigenen wie den fremden. Auf Wunsch lässt man sie das bei der OP herausgeschnittene Fleisch begutachten. Sie bestaunt ihren »Gulasch«, während sie Pizza isst. Was an Blut und Eiter an ihren Händen kleben bleibt, wird kurzerhand verspeist. Nach einem Selbstexperiment weiß Helen, dass man auch untenrum so leicht keinen Pilz bekommt: Auf Rastplatztoiletten wischt sie mit ihrem Geschlecht gern die ganze Klobrille ab. Bakterien-Experimente führt sie nicht nur an sich selbst durch, sondern zählt auch das Keimeverbreiten zu ihren Hobbies. Dazu entwendet sie die Grillzange oder »hinterlegt« benutzte Tampons im Krankenhausaufzug.

Völlig gestört oder Vorbild?

Helens Schicksal ist eigentlich dramatisch: Die Schülerin leidet unter der Scheidung ihrer Eltern und will sie am Krankenbett wieder zusammenführen. Weil sie früher als erwartet entlassen werden soll, droht ihr Vorhaben zu platzen. Kurz entschlossen reißt Helen ihre OP-Wunde wieder auf und wird notoperiert. Doch verleiht selbst das »Arschaufreißen für die Familie« Helen keine Tiefe. Während Unmengen sämtlicher Körperflüssigkeiten im Buch herumschwappen, füllt die Protagonistin mit ihren Tränen bezeichnenderweise gerade einmal den Boden eines Wasserflaschendeckels. Welchen Beruf ihr Vater ausübt, weiß sie nicht.

Auch der, am Rande erwähnte, Selbstmordversuch der Mutter bleibt im Ansatz stecken. Es passiert genau das, was Roche, laut eigener Aussage, so gar nicht beabsichtigt hat: "[I]ch mag nicht, wenn Leute sagen, die ist völlig gestört und deshalb macht sie diese Sachen". Helen aber gibt zu, sie würde mit jedem Idioten ins Bett gehen, um nicht allein zu sein. Für sie selbst zählt dies zu ihren »Scheidungskindbeschwerden«.

Am Ziel vorbei

Aber hat dann nicht auch Helen ein gestörtes Verhältnis zum Sex? Warum hat Charlotte Roche überhaupt eine 18-jährige zu ihrer Hauptfigur gemacht, eine, die noch »Mami und Papi« sagt? Helen Memel ist für die große Aufgabe, die Roche ihr in ihrem Roman zuweist, nur bedingt geeignet. Dazu wird man den Eindruck nicht los, der Autorin sei das groß erklärte Ziel ihres Romans am Ende etwas vor den Augen verschwommen.

Charlotte Roche »Feuchtgebiete«. Roman. (Dumont, 2008)
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